• Ulrich Fiechter

Muss die Schweiz den Klimanotstand ausrufen?

Aktualisiert: 25. Mai 2019

Schweizweit werden auf allen politischen Ebenen immer weitergehende Massnahmen zur Verbesserung des Weltklimas verlangt. Viele Forderungen, wie beispielsweise auch der Klimaplan von Martin Neukom (neu gewählter Regierungsrat des Kantons Zürich), beinhalten eine grosse Anzahl planwirtschaftlicher Eingriffe, die ungebremst, auf eine Steuerung unserer gesamten Volkswirtschaft hinauslaufen könnten. Es wird kaum bestritten, dass das Thema äusserst vielschichtig ist. Deshalb spüren auch viele Leute eine gewisse Machtlosigkeit gegenüber dem weltweiten CO2-Ausstoss. Dies mag sie möglicherweise auch dazu anspornen, die Ausrufung des Klimanotstandes zu fordern. Die nachfolgenden Überlegungen sollen die Beurteilung all dieser Aktivitäten aus einem etwas anderen Blickwinkel erleichtern.


Bescheidener Einfluss der Schweiz

Kann die Schweiz das Weltklima mit all den Massnahmen spürbar beeinflussen? Berechtigte Zweifel sind leider angebracht. Der Anteil der Schweiz am weltweiten CO2-Ausstoss beträgt ungefähr 1 Promille (ein Tausendstel). Die nachfolgende Abbildung 1 veranschaulicht den weltweiten CO2-Ausstoss. Jeder Punkt stellt 1 Promille dar; insgesamt sind es also 1000 Promille. Wird nun angenommen, die Schweiz würde schlagartig kein CO2 mehr ausstossen, dann illustriert die Abbildung 2 die neue Situation, sie umfasst jetzt noch die verbleibenden 999 Promille aller übrigen Staaten. Es wird deshalb vor Aktivitäten in der Schweiz gewarnt, die unsere Volkswirtschaft übermässig belasten und das Weltklima kaum verbessern.


Die Reduktion des CO2-Ausstosses bei Gebäuden

Gemäss dem Bundesamt für Umwelt BAFU hat die Schweiz den CO2-Ausstoss bei Gebäuden von 1990 bis 2015, d.h. über 25 Jahre, um 4,4 Mio. Tonnen pro Jahr reduziert (gem. www.bafu.admin.ch/co2-statistik ). Dies wurde mit vielen Verhandlungen, Parlaments- und Volksabstimmungen, Vorschriften, Regelungen, Kontrollen und teuren Investitionen erreicht. Mit anderen Worten, viel Leute in der Schweiz haben sich über 25 Jahre abgemüht, um den CO2-Ausstoss bei Gebäuden um ca. 4,4 Mio. Tonnen pro Jahr zu senken. Aber das Weltklima ist während dieser Zeit schlechter geworden, weil der weltweite CO2-Ausstoss weiter zugenommen hat. Von 1990 – 2015 beträgt die Zunahme des jährlichen CO2-Ausstosses ca. 10,8 Mrd. Tonnen. Betrachtet man nur die Veränderung des weltweiten CO2-Ausstosses aufgrund der Energieerzeugung in den Jahren 2010-2015, dann ist dieser allein um ca. 2.5 Mrd. Tonnen pro Jahr angestiegen (vgl. Abb. 3).



Allein der energiebedingte CO2-Ausstoss hat also in diesen fünf Jahren weltweit derart zugenommen, dass er nun ca. 600mal grösser ist, als die Schweiz ihren CO2-Ausstoss bei Gebäuden pro Jahr reduziert hat. Trotzdem werden in der Schweiz Forderungen zur Sanierung bestehender Gebäude erhoben, die noch weiter gehen, als die bestehenden Regelungen. Dabei werden deren geringe Wirkung auf das Weltklima und die damit verbundenen Kosten kaum dargestellt. Für den Laien ist es deshalb schwierig Transparenz zu erlangen. Anhand von eigenen Beobachtungen kommt jedoch die Vermutung auf, dass das ganze Thema mit Übereifer, einseitig und ohne Blick auf die Wirkungen für die ganze Volkswirtschaft, angegangen wird. Die nachfolgenden Zahlenbeispiele sollen einen Hinweis dafür geben.


Kosten zur Reduktion des CO2-Ausstosses

Bei einem älteren Mehrfamilienhaus in der Schweiz wurden kürzlich Investitionen von ca. CHF 200’000.- getätigt (Dachboden und Kellerdecke isoliert, Fenster ersetzt, hinterlüftete Fassade, Heizung). Der Heizölverbrauch ist um ca. 40% bis 50% (ca. 5‘000 Liter pro Jahr) gesunken. Dadurch wird der CO2-Ausstoss um ca. 16 Tonnen pro Jahr reduziert. In diesem Fall war eine Anfangsinvestition von CHF 12‘500.- erforderlich, um den CO2-Ausstoss um 1 Tonne pro Jahr zu senken. Werden nun die aktuellen Kostenersparnis für Heizöl berücksichtigt, dann kann man sagen: Um bei diesem Gebäude den CO2-Ausstoss pro Jahr um 1 Tonne zu reduzieren, müssen über eine Lebensdauer von 30 Jahren ca. 500 CHF/Jahr bezahlt werden (Zins 5% p.a.). Auch mit einem Zins von 3% p.a. sind es immer noch knapp 400.- CHF/Jahr. Schätzungen für andere Fälle weisen auf ähnlich hohe Kosten hin. Dies ist eine sehr teure Massnahme, wenn man mit Alternativen vergleicht.


Beispielsweise kostet ein Zertifikat für das Recht 1 Tonne CO2 auszustossen im Frühjahr 2019 im Europäischen Emissionshandelssystem (EU-EHS) 27 € oder ca. 30 CHF. Die Organisation myclimat verlangt für die CO2-Kompensation auf Heizöl CHF 5,74 / 100l oder 18 CHF/ t CO2. (vgl. Heizöleinkauf bei Coop im April 2019). Im Vergleich zu diesen beiden Zahlen erscheint auch die CO2-Abgabe auf Heizöl in der Schweiz ausserordentlich hoch. Diese beträgt seit Anfang 2018 offiziell 96 CHF pro Tonne CO2. Darauf wird jedoch noch die Mehrwertsteuer erhoben, so dass die CO2-Abgabe auf Heizöl effektiv 103.40 CHF pro Tonne CO2 beträgt. Dies ist mehr als dreimal so viel, wie in der EU der CO2-Ausstoss zurzeit bewertet wird (vgl. Abb. 4).



Werden diese jährlichen Kosten mit den Kosten anderer Massnahmen zur Reduktion des CO2-Ausstosses verglichen, dann bürdet sich die Schweiz, für eine weltweit kaum spürbare Wirkung auf das Klima, bei den Gebäuden ungeheuer hohe Kosten auf. Eine weitere Verschärfung der Vorschriften für Gebäude dürfte deshalb kaum angebracht sein. Dies würde die Kosten für unsere Volkswirtschaft unnötig erhöhen und dadurch die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz beeinträchtigen.


Rasche Massnahmen werden gefordert

In der Öffentlichkeit werden mit zunehmender Intensität rasche Massnahmen gefordert. In den dadurch entfachten Diskussionen gilt es jedoch, immer wieder ein grundlegendes ökonomisches Prinzip in Erinnerung zu rufen: Jeder Franken zur CO2-Reduktion ist dort einzusetzen, wo die damit finanzierten Massnahmen weltweit die grösste Wirkung erzielen. Dies bedeutet, immer den Blick für das Ganze zu bewahren. Die Schweiz stösst heute insgesamt knapp 50 Mio. Tonnen CO2 (-Äquivalente) pro Jahr aus. Zum Vergleich nehmen wir das grosse Kohlekraftwerk Neurath in Deutschland, dieses stiess 2013 ca. 31 Mio. Tonnen CO2 aus, oder das Kohlekraftwerk Belchatow in Polen, dieses stiess in demselben Jahr ca. 37 Mio. Tonnen CO2 aus (gem. Spiegel Online 02.04.2014). Die CO2-Emission des ersten macht ca. 60% und jene des zweiten Kraftwerks knapp 75% des gesamten CO2-Ausstosses der Schweiz pro Jahr aus (vgl. Abb. 5). In Europa sind über zweihundert Kohlekraftwerde in Betrieb (vgl. Center for global development: www.cgdev.org sowie Europa ohne Kohle: www.beyond-coal.eu ). Viele davon sind kleiner, sie stossen ca. 5 Mio. Tonnen CO2 pro Jahr aus. Das sind jedoch immer noch 10% des CO2-Ausstosses der ganzen Schweiz pro Jahr.


Und es geht weiter so, beispielsweise baut und finanziert China den Serben bis Ende 2020 einen neuen Block im Kohlekraftwerk Kostolac (Quelle: Tanjug | Montag, 27.08.2018.| 11:07; www.ekapija.com). Dieses Kraftwerk soll eine Leistung von 350 MW erbringen. Nach einer groben Schätzung dürfte diese Anlage allein zusätzlich ca. 2 Mio. Tonnen CO2 pro Jahr ausstossen. Dies entspricht der Hälfte, der Reduktion des CO2-Ausstosses bei Gebäuden pro Jahr, welche die Schweiz über 25 Jahre erreicht hat.


Augenmass behalten!

Diese wenigen Beispiele weisen bereits darauf hin, dass die Schweiz den Klimanotstand eher nicht ausrufen muss. Sinnvoller wäre es, wenn die Vertreter aus der Schweiz auf internationaler Ebene primär dahin wirkten, dass die Hauptverursacher ihren CO2-Ausstoss reduzierten. Wenn wir zudem etwas Nützliches für die nachkommenden Generationen tun wollen, dann müssen wir ihnen eine international wettbewerbsfähige Volkwirtschaft hinterlassen. Dazu gehört auch, dass wir diese, im Vergleich zu unseren weltweiten Konkurrenten, nicht mit übermässigen Kosten im Energiebereich belasten. Konzentrieren wir uns auf die nationale Umweltpolitik. Richten wir unsere Aufmerksamkeit auf Aktivitäten, deren Kosten und Nutzen im Inland anfallen; so können wir ökonomisch sinnvolle und auch für die nachkommenden Generationen nachhaltige Massnahmen ergreifen.


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