• Ulrich Fiechter

Inflation und die Lohn-Preis-Spirale

Aktualisiert: 30. Sept.

Infolge des starken Anstiegs der Preise für Erdöl, Erdgas, Schiffstransporte, Computerchips und Baumaterialien wird auch das Thema Inflation durch die Presse aufgenommen und für die breite Öffentlichkeit unter verschiedenen Gesichtspunkten kommentiert. Allerdings wird dabei meistens nicht unterschieden zwischen dem Anstieg der Preise für einzelne Güter wie Heizöl, Benzin oder Elektrizität und dem Anstieg des allgemeinen Preisniveaus. Dieser Mangel an Genauigkeit und Transparenz führt dazu, dass die Leute beginnen von Inflation zu sprechen, obwohl sie die Verteuerung des Benzins, des Heizöls oder des Stroms meinen. Dabei werden die gleichzeitig erfolgenden Preissenkungen bei andern Gütern übersehen. Vielfach ist Ihre Wahrnehmung und ihr Denken durch die Presse in diese Richtung vorgespurt.


Dieser Mangel an Kenntnis über die laufenden wirtschaftlichen Prozesse dürfte auch dazu beitragen, dass im gleichen Zusammenhang plötzlich wieder das alte Bild einer «Lohn-Preis-Spirale» bemüht wird, um auf die drohende Gefahr einer Inflation hinzuweisen. Schon vor 50 Jahren forderten einige Ökonomen im deutschen Sprachraum mit diesem Bild staatliche Eingriffe in die Märkte, um die Inflation einzudämmen. Es gab damals Leute, die argumentierten noch anschaulicher, die Inflation sei gleich einer Schlange, die sich immer schneller im Kreise drehe und versuche, sich in den Schwanz zu beissen. Die nähere Begründung lautete damals: Benzin- und Heizölpreise steigen, dadurch steige auch der Konsumentenpreisindex, die Löhne werden dementsprechend angehoben und die Lohnkosten steigen. Deswegen müssen die Unternehmungen auch die Preise für ihre Produkte erhöhen, was zu weiteren Lohnforderungen führe. Der inflationäre Prozess sei dadurch in Gang gesetzt und setzte sich auf diese Weise selbsttätig beschleunigend fort (vgl. die Abbildung).



Auf den ersten Blick scheinen die gegebenen Erklärungen plausibel zu sein; doch versagt diese Argumentationsweise, wenn die Inflationsrate plötzlich sinkt, ohne dass am Lohnanpassungsmechanismus etwas geändert worden wäre. Zudem wird nicht beantwortet, woher das Geld stammt, um in der ganzen Volkswirtschaft immer höhere Löhne und höhere Preise für all die Güter und Dienstleistungen bei gleichen Mengen zu bezahlen. Steht jedoch nicht mehr Geld zur Verfügung, werden infolge der angehobenen Preise die nachgefragten Mengen zurückgehen. Dies ergäbe bei den betreffenden Gütern automatisch Druck auf die Preise nach unten. Und bei fehlender Flexibilität auf der Angebotsseite könnte die Beschäftigung zurückgehen und die Arbeitslosigkeit steigen.


Das Bild einer «Lohn-Preis-Spirale» ist irreführend. Es fehlt jeder Nachweis, dass eine selbsttätige Spirale in Gang gesetzt wird, wenn beispielsweise der Preis für Erdöl steigt. Die Leute müssen für einzelne Produkte wie Heizöl, Benzin und alle erdölabhängigen Produkte entsprechend mehr bezahlen. Das dafür zusätzlich erforderliche Geld beschaffen sie sich, indem sie für andere Güter und Dienstleistungen weniger ausgeben. Die Nachfrage nach andern Gütern und Dienstleistungen geht zurück und deren Preise werden sinken. Damit jedoch eine ständig hohe Inflation bestehen bleibt, müssten die Leute dauerhaft bereit und in der Lage sein, für die Güter und Dienstleistungen immer höhere Preise zu bezahlen, ohne sich gleichzeitig bei andern Käufen einzuschränken. Dies wäre beispielsweise dann der Fall, wenn der Staat ihnen fortwährend Geld in Form von direkter staatlicher Unterstützung oder indirekt über öffentliche Aufträge zukommen lässt. Dieses staatliche Geld stammt zudem nicht aus Steuereinnahmen, sondern würde laufend von der Notenbank neu geschaffen («Notenpresse»).


Schon in den 1970er Jahren stellte der US-amerikanische Ökonom, Milton Friedman, aufgrund seiner umfassenden Untersuchungen in den USA fest, dass Inflation immer und überall ein monetäres Phänomen ist, und zwar in dem Sinn, als sie nur dann erzeugt und weiter bestehen kann, wenn in einer Volkswirtschaft die Geldmenge rascher ausgeweitet wird als die Menge der produzierten Güter und Dienstleistungen. Der Basler Ökonom, Peter Bernholz[1], kommt aufgrund seiner ausführlichen Analysen der weltweit bedeutenden Inflationen ebenfalls zum Schluss, Inflation ist ein monetäres Phänomen, d.h., Inflation wird durch eine übermässige Ausweitung der Geldmenge erzeugt. Bernholz stellt unter anderem auch fest, dass Hyperinflationen bisher immer durch öffentliche Budgetdefizits verursacht wurden, die man überwiegend durch Geldschöpfung finanzierte.[2] Die Hypothese von Milton Friedman hat also weiterhin Gültigkeit, sie ist bis heute nicht widerlegt worden.

[1] Bernholz Peter, Monetary Regimes and Inflation, Edward Elgar Publishing, Cheltenham UK – Northhampton, MA, USA, second edition, 2015 [2] Bernholz Peter, a.a.O., S. 118






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