Marktsystem  (Erläuterungen)

Irrationales Verhalten

 

Irrationales Verhalten wird beispielsweise dann festgestellt, wenn Leute sich so verhalten, wie man es von einem rational handelnden Menschen nicht erwarten würde. Dabei nehmen wir an, ein rational handelnder Mensch prüfe die verfügbaren Optionen und wähle diejenige, die aufgrund eindeutiger, beständiger Kriterien seinen Präferenzen und Möglichkeiten entspreche. Überwiegen in einem Markt jene Menschen, die eher rational handeln, dann lässt sich deren Verhalten als Gruppe ziemlich treffsicher voraussagen.

Beispiel Preise für das Bahnfahren

Wenn die Preise für das Bahnfahren massiv erhöht werden, während die andern Preise für Güter und Dienstleistungen in etwa gleichbleiben, dann wird im Allgemeinen weniger Bahn gefahren. Trotzdem können auch nach dieser Preisveränderung Leute beobachtet werden, die entgegen der all-gemeinen Erwartung, aus persönlichen Gründen mehr Bahn fahren. Deren Verhalten hat jedoch keinen spürbaren Einfluss auf das Marktge-schehen, dieses wird durch das Verhalten der viel grösseren Zahl von Marktteilnehmern mit einer, von aussen betrachtet, konsistenten Verhal-tensweise überstimmt.

Beispiel Schweinezyklus

In einem andern Beispiel zeigen Untersuchungen über den Markt für Schweinefleisch in der Schweiz über die Zeit von 1960 bis 1980 zyklische Schwankungen von Menge und Preis. Die Fleischpreise stiegen in jedem dritten Jahr und gingen immer wieder in den beiden dazwischen liegen-den Jahren zurück. Musste beispielsweise aufgrund einer Seuche ein Teil der Mastschweine vernichtet werden, dann sank die auf dem Markt ange-botene Menge Schweinefleisch und der Preis stieg. Der staatliche Schutz der inländischen Produktion erlaubte damals keine zusätzliche Importe. Die Lagerung von Schweinefleisch, um Spitzen zu brechen, war damals nur in geringem Umfang möglich, weil die erforder-lichen Kühlräume fehlten. Die Schwankungen gingen nicht zurück.

Vor einer neuen Aufzucht mussten die Mäster abschätzen, zu welchem Preis sie die Schweine nach Erreichung der Schlachtreife in 12 bis 14 Monaten verkaufen können. Haben sie in letzter Zeit einen hohen Preis erzielt, werden sie tendenziell auch für die Zukunft einen höheren Preis erwarten. Weil die grosse Zahl von Mästern ähnlich denkt, wird mehr Schweinefleisch produziert, als die Nachfrager in über einem Jahr zu den bisherigen Preisen abnehmen wollen. Der Preis für Schweinefleisch wird sinken, was wiederum zur Folge hat, dass in der folgenden Periode weniger Schweine gemästet werden. Dieses Verhalten scheint aus ge-samtheitlicher Sicht irrational zu sein, aber der einzelne Mäster handelte aus seinem Blickwinkel durchaus rational, weil ihm die Informationen über die konkreten Pläne der vielen andern Anbieter fehlten. Inzwischen funk-tioniert der Schweinemarkt besser. Terminmärkte ermöglichen eine zuver-lässigere Prognose der zukünftigen Absatzpreise durch die Schweine-mäster, das Schweinefleisch kann heute in grösseren Mengen gekühlt ge-lagert werden und Importbeschränkungen wurden im Laufe der Zeit re-duziert.

Beispiel Erdölförderung

Wenn die Erdölförderländer die Abhängigkeit ihrer Kunden vom Erdöl überschätzen, dann neigen sie dazu, ihre Fördermengen zu drosseln, da-mit der Weltmarktpreis steigt und sie dadurch mehr Einnahmen erzielen können. Es ist jedoch möglich, dass die Gesamteinnahmen entgegen dieser Erwartung zurückgehen. Dies tritt nämlich dann ein, wenn der pro-zentuale Rückgang der abgesetzten Menge grösser ist als der prozen-tuale Preisanstieg. Die Preiselastizität der Nachfrage nach Erdöl wurde falsch eingeschätzt. Die Förderländer handelten also nur scheinbar richtig, sie entschieden jedoch auf der Basis falscher Grundlagen. Wir überschät-zen oft, wie gut wir wirklich Bescheid wissen. Der Schriftsteller Mark Twain soll das einmal treffend auf den Punkt gebracht haben, als er bemerkte: «Was uns in Schwierigkeiten bringt, ist nicht das, was wir nicht wissen. Es ist das, was wir mit Sicherheit wissen, was aber in Wahrheit falsch ist.»