• Ulrich Fiechter

Die Corona-Krise gefährdet auch in der Schweiz Arbeitsplätze

Aktualisiert: Apr 22

Zur Bekämpfung des Coronavirus haben die Behörden angeordnet, dass viele Geschäfte und Unternehmungen geschlossen bleiben müssen. Diese Massnahmen sind für alle Leute rasch sichtbar geworden, besonders bei den Branchen Gastgewerbe, Gastronomie, Hotellerie und Detailhandel. Ebenfalls müssen Coiffeursalons, Blumenläden, Buchläden und andere Geschäfte geschlossen bleiben. Zu allem Leidwesen kommen auch keine Touristen mehr. Weil ausländische Kunden wegbleiben und wegen der getroffenen Massnahmen fehlen vielen Geschäften die Einnahmen, um u.a. Löhne und Mieten zu bezahlen. Die Arbeitslosigkeit und die Anträge für Kurzarbeit nehmen stark zu. Zusätzlich beantragen viele Unternehmen Überbrückungskredite, für die der Bund bürgt. Auch Schulen und andere Bildungseinrichtungen bleiben geschlossen, die Kinder müssen nun auch während der ausgefallenen Unterrichtszeit zu Hause betreut werden.

Die Zahl der Arbeitslosen ist im März 2020 in der Schweiz um 20% auf ca. 136'000 gestiegen. Zudem sind bis Ende März Gesuche für Kurzarbeit für 1.5 Mio. Erwerbstätige eingegangen (SECO). All diese Leute arbeiteten bis heute an Arbeitsplätzen, die die Wirtschaft über viele Jahre auch dank der Globalisierung geschaffen hat. Sie erwirtschafteten dadurch einen Lohn, der ihnen in der Regel eine Wohnung, ein ansprechendes Leben und Ersparnisse für das Alter ermöglichte. Jetzt dürfen diese Leute plötzlich, für einige Wochen, so hoffen alle, nicht mehr arbeiten. Es ist, wie wenn durch dieses Öffnungsverbot, der Stromstecker für viele Unternehmen und Geschäfte gezogen worden wäre.

Welche zahlenmässigen Bedeutung kommt den direkt betroffenen Unternehmungen in der Schweizer Volkswirtschaft zu? Gemäss dem Bundesamt für Statistik (BFS) gab es im Jahr 2017 in der Schweiz ca. 590'000 marktwirtschaftliche Unternehmen mit ca. 4.5 Mio. Beschäftigten, davon sind ca. 0.6 Mio. Selbständigerwerbende (vgl. die nachfolgende Abb.).


Ungefähr 3 Mio. oder 2/3 der in marktwirtschaftlichen Unternehmungen beschäftigten Personen sind somit in KMU tätig, das sind Unternehmungen mit weniger als 250 Beschäftigten. Die 1'630 grossen Unternehmungen beschäftigen insgesamt ca. 1.5 Mio. Personen. Zu den in der Tabelle aufgeführten Zahlen kommen noch über 0,5 Mio. Beschäftigte (VZÄ Stand 2012) in den Verwaltungen und in öffentlichen Unternehmungen.


In einer marktwirtschaftlich organisierten Volkswirtschaft sind diese Unternehmungen über eine Vielzahl von Märkten miteinander verbunden. Über die Preise werden dabei Arbeitskräfte, Wohn-, Büro- und Fabrikationsräume, Produkte und Dienstleistungen unter normalen Bedingungen dorthin gelenkt, wo die grösste Nachfrage herrscht (vgl. Marktpreise). Durch die Erkrankungen infolge des Coronavirus und die weltweit ergriffenen Massnahmen zu dessen Bekämpfung wird dieses Zusammenspiel gestört. Dies wirkt sich auch auf die Schweizer Wirtschaft aus. So können beispielsweise in der Schweiz allein in den drei Branchen Detailhandel, Beherbergung und Gastronomie wahrscheinlich ca. ½ Mio. Beschäftigte, d.h. mehr als 10% aller in der Schweiz Beschäftigten, ihre Erwerbstätigkeit vorübergehend nicht ausüben. Allein auf die Klein- und Mittelunternehmungen (KMU) bezogen, stellen sich die Verhältnisse noch schlimmer dar, wie die beiden nachfolgenden Grafiken anhand der Zahlen aus dem Jahr 2017 illustrieren. Die Beschäftigten in diesen drei Branchen machen knapp 20% aller in KMU beschäftigten Personen aus.



Neben der Beeinträchtigung aller oben erwähnten Branchen sinken auch die Importe. So können Halb- und Fertigfabrikate nicht importiert werden, weil ausländische Lieferanten ihre Produktion einstellen mussten. Weiter sinkt die Exportnachfrage nach Schweizer Produkten, weil Kunden im Ausland nicht produzieren dürfen oder deren Kunden nicht mehr bestellen. Stellvertretend für andere ist der Flugverkehr ein anschauliches Beispiel, die Flugzeuge der Swiss und anderer Fluggesellschaften stehen am Boden. Es reisen weniger Touristen in die Schweiz. Die Aussichten für die Luftfahrt und die Flugzeugindustrie haben sich schlagartig verdüstert. Die Produktion von Flugzeugen wird eingeschränkt, so reduzierte beispielsweise Airbus seine weltweite Flugzeug-Produktion um rund einen Drittel (Stand: 9. April 2020; statista) und eine weitere Reduktion wird erwogen.

Auch die Autoproduktion wird massiv reduziert, weil die Absatzaussichten schlechter geworden sind und weil Komponenten von Lieferanten fehlen, deren Produktionsanlagen stillgelegt wurden. Im März 2020 sind in Deutschland 37% weniger Autos produziert worden als im März 2019 (statista; 06.04.2020). Davon sind auch Schweizer Zulieferbetriebe mit ca. 34'000 Beschäftigten betroffen, deren Auftragseingang eingebrochen ist. Dies wiederum zeigt eine andere Seite der Globalisierung. Nämlich die grosse Anzahl von Arbeitsplätzen in der Schweiz, die dank der Globalisierung geschaffen werden konnten, für die jetzt die Aufträge fehlen oder an denen plötzlich nicht mehr produziert werden darf (vgl. Blog).

Was könnte mit dieser Krise sonst noch auf uns zukommen? Zur Abschätzung der zukünftigen wirtschaftlichen Entwicklung, nach erfolgreicher Bekämpfung des Coronavirus, gilt es zu beachten, dass die Krise nicht durch Probleme in der Wirtschaft, wie in der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/09, ausgelöst worden ist. Die Ursachen liegen bei den an diesem Virus Erkrankten und den staatlichen Entscheidungen zu dessen Eindämmung. Die Marktstrukturen und Unternehmensorganisationen sind immer noch vorhanden. Bei Aufhebung der staatlich verordneten Beschränkungen werden zwar die Märkte, auf denen diese Unternehmungen tätig sind, nicht von heute auf morgen plötzlich wieder pulsieren. Die Unternehmer müssen zuerst ihr Vertrauen in die Geschäftspartner wieder erneuern. Kunden müssen sich zuerst entscheiden, ob sie in der Krise zwangsläufig aufgeschobenen Käufe, nun noch nachholen wollen oder nicht. Arbeitsprozesse sind während der Krise auch dank der Digitalisierung angepasst worden. Dies gilt es zu nutzen. Geduld und zusätzliche finanzielle Mittel werden erforderlich sein, bis ein grosser Teil der Wirtschaft wieder einigermassen geordnet funktioniert (vgl. Marktsystem).

Die für die Krisenbekämpfung sehr weitgehenden Eingriffe des Staates in Wirtschaft und Gesellschaft sollten, sobald die Ansteckungsgefahr gesunken ist, rasch wieder aufgehoben werden. Zudem müssen jetzt nicht nur in den Unternehmungen, sondern besonders auch im öffentlichen Sektor, Budgets mit Einnahmen-, Ausgaben- und Investitionsplänen rasch überarbeitet werden. Durch die weltweite Corona-Krise haben sich die wirtschaftlichen Verhältnisse massiv verändert. Die Krisenbekämpfung ist mit zusätzlichen Schulden finanziert worden und die Steuereinnahmen werden als weitere Folge der Krise zurückgehen, was die finanzielle Belastung von Bund, Kantonen und Gemeinden zusätzlich erhöht.

Für die Unternehmungen werden kaum weiter staatliche Eingriffe notwendig sein. Die Regeln für die Geschäftstätigkeit bestehen, die Unternehmer kennen diese und richten sich danach aus. Tausende von Unternehmen werden sich wieder aufeinander abstimmen, Offerten abgeben, Aufträge entgegennehmen und ausführen, und dank Wirtschaftsfreiheit und Globalisierung auch neue Arbeitsplätze schaffen. Es ist zu hoffen, dass dabei die Digitalisierung auch in der Schweiz einen kräftigen Schub erfahren wird. Dies dürfte die Wettbewerbsfähigkeit der Schweizer Volkswirtschaft weltweit verbessern und auch helfen, die nun in dieser Krise zusätzlich aufgebauten Schulden wieder abzubauen, um neue Reserven für die nächste Krisenzeit zu bilden.

24 Ansichten